stitch / Hans Joachim Hespos

IP-Hespos-Trio 22.11.2008 in Essen (zum Vergrößern in Bild klicken)

STITCH
[2002]
ein 5-Sekunden-Stück von Hans-Joachim Hespos

Dauer: 0,2"-5"

 

[UA: Lichthof der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe im Rahmen der Multi-Media-Veranstaltung "Minutes only", 18.01.2003]

 

Im Sommer 2002 stellten wir uns die Frage, ob es für einen Komponisten möglich sei, in einer enorm kurzen vorgegebenen Gesamtdauer seine musikalische Individualität überzeugend ausdrücken zu können, und das sogar mit einer von uns gewünschten Vorgabe. Alle Komponisten wurden vor die Aufgabe gestellt, ein Stück zu schreiben mit einer maximalen (!) Gesamtdauer von 5 Sekunden, "as cruel as possible, trash, hardcore, punk", für elektrifiziertes Akkordeon, E-Bass und Live-Elektronik, mit/ohne Stimme, Komposition, konzeptionelle Improvisation, Performance, CD-Zuspielungen. Dabei soll jedes der Stücke keinesfalls als Statement oder bloßer musikalischer Fingerabdruck des Komponisten zu verstehen sein, jedes der Stücke soll formal völlig individuell in sich abgeschlossen erklingen.

Und es funktioniert.

Wir nannten es den blutigsten Arschriss aller Zeiten. Die Musikwissenschaftlerin Eva-Maria Houben kam zu einem ähnlichen Ergebnis und hat ein umfangreiches Essay über stitch verfasst. Hier ein paar Auszüge:


"Ausführende wie Hörer erleben eine Attacke auf (...) ihre Körperlichkeit: stitch greift an, schmerzt, verwundet. „jenseits von lautstärkevorstellung nervenzerfetzend“. stitch (...) geht bis zum Äußersten und darüber hinaus. „vorbereitungslos extremer hochenergetischer zusammenschuß explo/implo-siv punktstickRiss schnittblitz schmerzKreischender zeitschlag aufreißender schlupf von ultrakrasser energie“; „nichts schleim gitterKLIRR VakuumStrahlung fluktuierender schaum“. (...) Der wirkliche Klang ist schlimmer, erschreckender, zerstörerischer als alle Vorstellung ihn zu entwerfen imstande ist, (...) bis hin zur Erschütterung. Ich gehe (...) nach dem Konzert, und es ist etwas anders geworden. Roger-Pol Droit hat unter 101 philosophischen Alltagsexperimenten eins beschrieben, das der Wirkung einer Aufführung von stitch nahekommt. (...): "Kneifen Sie sich. Heftig, (...) an einer Stelle, wo es weh tut. (...) So sehr, dass Sie schreien möchten, was Sie dann aber doch unterlassen. (...) Versuchen Sie sich zu überraschen. (...) Der Schmerz muss Sie wie aus heiterem Himmel packen, (...). Er muss über Sie hereinbrechen und ihre Lethargie scharf und stechend zerreißen. Ist das Ereignis gewaltsam genug, so ist der Erfolg garantiert: Sie finden in die Wirklichkeit zurück, Ihr Körper wird Ihnen zurückgegeben, (...) Sie treten aus der Langeweile hinaus, Sie sind wieder in der Welt." (...) stitch ist ein Weckruf, (...) ein Anstoß zum Hören. Ein Auf-Riss: der Nebel verfliegt, der Vorhang zerreißt. (...) und dann sind alle (...) Vor-Bilder weggeräumt, dann bin ich neu frei geworden zum Hören. (...) Staunen wird neu möglich."

 

STITCH ist nach KALEIDOSKOPES LUFTSILBER das zweite Stück, was Hespos für uns geschrieben hat.

 

mehr 5-Sekunden-Stücke